Nein zu "Lehrpläne vors Volk"

Bildung Bern lehnt die Initiative "Für demokratische Mitsprache - Lehrpläne vors Volk!" entschieden ab. Dies aus drei Gründen:

1. Ein Lehrplan wird von Bildungsfachleuten im intensiven Austausch mit Betroffenen erarbeitet und ist ein Fachwerk. Weder das Volk noch der Grosse Rat sollen darüber entscheiden können. Die Schule braucht Stabilität und Verlässlichkeit statt Willkür und Interessenspolitik.

2. Der Kanton Bern soll mitmachen bei der Harmonisierung des schweizerischen Bildungssystems und Teil davon sein.

3. Die Umsetzungsarbeiten zum Lehrplan 21 sind breit abgestützt und weit fortgeschritten. Die Annahme der Initiative würde zu grossen Unklarheiten führen.

Überparteiliches Komitee

Unter der Federführung von Bildung Bern hat sich im August 2017 ein überparteiliches Komitee gegründet, um der Initiative mit einem klaren Nein und mit Argumenten aus Wirtschaft und Bildung entgegenzutreten. Das Komitee setzt sich aus Organisationen der Wirtschaft, der Berufsverbände und Gewerkschaften sowie politischen Parteien zusammen, aktuell sind dies: HIV Kanton Bern, KMU Kanton Bern, Bildung Bern, Verband der SchulleiterInnen Bern VSLBE, VPOD Kanton Bern, BDP, EVP, Grüne und FDP.

Lesen Sie hier die Medienmitteilung des Komitees.

Argumentarium von Bildung Bern

HarmoS ist angenommen worden

Obschon im Titel nicht erwähnt, zielt die Initiative auf den Lehrplan 21 und will dessen Einführung verhindern.

Mit dem Lehrplan 21 für die Volksschule setzen die 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone den Artikel 62 der Bundesverfassung um. Die Berner StimmbürgerInnen haben mit HarmoS die Vorlage „Beitritt zur interkantonalen Vereinbarung über die Harmonisierung der Volksschulen“ am 27. September 2009 angenommen. Zu den Harmonisierungsbestrebungen gehören sprachregionale Lehrpläne. In der Abstimmungsbotschaft wurde festgehalten: „Das HarmoS-Konkordat schafft die rechtliche Grundlage für die Entwicklung von verbindlichen, gesamtschweizerischen Bildungsstandards, in denen die Kompetenzen beschrieben werden, welche die Schülerinnen und Schüler mindestens erreichen sollen. Für das Ende jeder Schulstufe werden also überprüfbare und verbindliche Kompetenzniveaus definiert.“

Fachbereichteams, zusammengesetzt aus Lehrpersonen und FachdidaktikerInnen haben den Lehrplan 21 zwischen 2010 und 2014 erarbeitet.

Neue Fächer und neue Lehrmittel sind im Aufbau

Für die Implementierung sind die Kantone zuständig. Der Kanton Bern wird den Lehrplan am 1. August 2018 in Kraft setzen. Die Einführung wird gestaffelt stattfinden. Ab Sommer 2022 soll der Unterricht vollumfänglich nach Lehrplan 21 durchgeführt werden.

Mit dem Lehrplan 21 werden auch neue interkantonale Lehrmittel eingeführt. Mehr Lektionen sind gesprochen worden. Neue Fächer entstehen (Medien und Informatik), neue Sammelfächer (wie Natur und Technik) oder weiterentwickelte Fächer mit neuen Bezeichnungen (wie Wirtschaft, Arbeit, Haushalt).

Ständige Reorganisation vermeiden

Bei Annahme der Initiative würde die Arbeit an der Implementierung des Lehrplans 21 sistiert. Dies wäre nicht sinnvoll, denn sie ist zu weit fortgeschritten. Die Überarbeitung und Neukonzipierung von Lehrmitteln ist in vollem Gange. Die Weiterbildung für die Lehrpersonen läuft. Die pädagogischen Hochschulen bilden seit längerem nach dem neuen Lehrplan 21 aus.

Würde die Initiative angenommen, müsste der Grosse Rat gemäss Initiativ-Text die Einführung des Lehrplans 21 nachträglich nochmals beschliessen. Dies, obwohl der Lehrplan 21 ab 1.August 2018 in Kraft gesetzt sein wird. Es ist davon auszugehen, dass der Grosse Rat die Einführung des Lehrplans 21 beschliessen würde, denn bisher hat er auch sämtliche finanziellen Mittel für die Einführung genehmigt. Deshalb würde wohl ein Referendum gegen den Grossratsbeschluss ergriffen. Eine Abstimmung zum Lehrplan 21 wäre dann ab 2020 zu erwarten. Zu diesem Zeitpunkt wären sämtliche neuen Pensen verteilt, alle Lehrpersonen in der Weiterbildung gewesen und neue, lehrplankompatible Lehrmittel würden existieren. Würde die Initiative dann angenommen, begännen die jahrelangen Diskussionen, welche Ziele die Schule zu erfüllen hat, wieder von vorne. Die Schule stünde vor neuen grossen Unsicherheiten und Reorganisationen. Gemäss einer Umfrage des LCH gehören Reorganisationen zu den grössten Belastungsfaktoren von Lehrpersonen.

Bildung Bern ist der Meinung, dass weder das Volk noch der Grosse Rat über einzelne pädagogische Vorgaben bzw. über den Inhalt eines Lehrplans entscheiden sollen. Diese Aufgabe muss den Fachleuten aus Theorie und Praxis überlassen werden, so wie es bei der Erarbeitung des Lehrplans 21 geschehen ist.

Die Bildungsqualität wird vor Ort, in den Schulen, von jeder professionell ausgebildeten Lehrperson beeinflusst. Die Schulen brauchen politische Sicherheit und Konstanz. Wenn die Politik derart gezielt auf konkrete Bildungsinhalte einwirken kann, wird die Schule ständig verändert und verunsichert.

Die Schule braucht Ruhe und Rechtssicherheit

Bildung Bern konzentriert sich auf das Engagement für eine erfolgreiche, umsetzbare und praxistaugliche Implementierung des Lehrplans 21 mit qualitativ hochstehender und praxistauglicher Weiterbildung. Diese Arbeiten sind in vollem Gang. Sie würden verzögert oder verunmöglicht, wenn die Einführung des Lehrplans sistiert würde. Wertvolle Ressourcen wären verschleudert.

Im Kanton Bern ist die Umsetzung des Lehrplans 21 sehr breit abgestützt. Im Bereich der Beurteilung, zum Beispiel, konnten, gerade auch dank dem Engagement von Bildung Bern, deutliche Verbesserungen (Entschlackung, Vereinfachung, Entlastung für alle) erzielt werden. Solche Verbesserungen und die allgemeine Schulentwicklung, die der neue Lehrplan ermöglicht, könnten bei einer Sistierung nicht realisiert werden.

Kompetenzorientierung wird in den Berufsschulen schon lange gelebt. Auch in den Gymnasien. Die EDK ergänzte kürzlich den Rahmenlehrplan für Maturitätsschulen mit einer Beschreibung des Könnens und Wissens in der Erstsprache und Mathematik, um einen besseren Übergang vom Gymnasium ins Studium gewährleisten zu können. Wieso sollte die Volksschule sich den abnehmenden Institutionen nicht angleichen?

Gerade für die Übertritte in höhere Stufen braucht es Rechtssicherheit. Diese kann nicht gewährleistet werden, wenn das System ständig reorganisiert wird.

Der Lehrplan 21 bietet Chancen: Freiräume (neues Fach IVE), erweiterte Fachbereiche WAH, Medien und Informatik, mehr Zeit (Lektionendotation), Schulentwicklung.

Aus diesen Gründen begrüsst Bildung Bern die Implementierung des Lehrplans 21, so wie sie geplant ist, und lehnt die Initiative "Lehrpläne vors Volk" entschieden ab.